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Mittwoch, 15. September 2010

Feierabend

Am Ende dieses langen Tages
lege ich ab
Bücher
Briefe
Schlüssel
Schuhe
Kleider und die Uhr.
Am Ende dieses langen Tages
lege ich auf dich
Ängste
Sorgen
Mühen
Freude
Trauer
Sehnsucht
Und meine Schuld.

Am Ende dieses langen Tages
lege ich mich
ganz und gar
still und geborgen
mein guter Gott
in deinen Schutz und Frieden.

Johannes Hansen

Mittwoch, 27. Mai 2009

"Ernstlich Reden" - Die Klagepsalmen

"Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" (Ps 22,2)

Diese Frage ist paradox, weil sie sich an Gott richtet. Der Beter beklagt die Abwesenheit Gottes, obwohl er sich genau an diesen angeblich Abwesenden wendet. Wie ist das zu erklären?
Christoph Markschies fasste in Worte, was viele schon längst gedacht hatten: Alle Klagepsalmen sind von einem Motiv des Vertrauens geprägt. Dieses Motiv sei das Grundmotiv der Psalmen schlechthin. Gerade in der Verlassenheitsklage drücke sich diesen Vertrauen aus.
- Im Prinzip hat Herr Markschies recht. Nur: Ich frage mich, ob die gefühlte Gottverlassenheit damit nicht klein geredet wird. Wäre es nicht vorstellbar, dass heutzutage ein Trauernder eine ähnliche Frage formuliert? Man kann manchmal in Todesanzeigen lesen: "XY, warum musstest du so früh von uns gehen?". Damit wird nicht mit einem Toten kommuniziert, sondern die Aussage hat den alleinigen Zweck, die Klage (das Gefühl der Trauer) zum Ausdruck zu bringen.
Ich glaube, wir müssen aufpassen, dass wir die Gefühle, die sich in den Psalmen ausdrücken nicht nivellieren. Die Psalmen sind literarisch gesehen wunderschön formuliert, aber dahinter vermute ich eben keine stilisierten, sondern echte Erfahrungen. Ebenso echt wie die gefühlte Gottverlassenheit, ist dann auch die plötzlich erfahrene Gottesnähe: "- Du hast mich erhört" (Ps22, 22).
Noch einmal: Natürlich sehe und bewundere ich die Psalmen auf literarischer Ebene, aber ich denke, dass sich hinter den Aussagen durchaus echte Erfahrungen und Gefühle verbergen. Luther meinte, dass gerade die schwierigen Erfahrungen des Lebens einem lehren "mit Ernst" zu reden:

Denn ein menschlich Herz ist wie ein Schiff auf dem wilden Meere, welches
die Sturmwinde von den vier Orten der Welt treiben ... Solche Sturmwinde aber
lehren mit Ernst reden und das Herz öffnen und den Grund herausschütten ... Was
aber ist das meiste im Psalter, denn solch ernstlich Reden in allerlei solchen
Sturmwinden? Wo findet man feinere Worte von Freuden, als die Lobpsalmen oder
Dankpsalmen haben?

M.Luther, Vorrede zum Psalter (1528), WA.DB
10,1,101f.


Samstag, 16. Mai 2009

Von der Klage zum Dank - die Psalmen

In keinem anderen Buch habe ich so oft gelesen wie in den Psalmen. Im Rahmen meines Examens darf ich mich jetzt intensiv damit beschäftigen. Eines meiner Schwerpunktthemen sind die Klagepsalmen des Einzelnen. Zumindest dachte ich das. "Dazu gehören auch die Danklieder des Einzelnen!", mahnte mein Prüfer. Darauf hätte ich auch selbst kommen können, denn der ganze Psalter hat die Tendenz von der Klage zum Lob zu führen - Klage und Lob gehören zusammen. 

Manchmal kommt der Umschwung von der Klage zum Lob so unvermittelt, dass man sich nur wundern kann. Nachdem es in Psalm 22 in Vers 1 noch hieß "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?",  heißt es plötzlich: "Du hast mich erhört." (Ps 22,22).  

Heute durfte ich selber erfahren wie Gott mir aus der Patsche geholfen hat. Die von mir am meisten gefürchtete Klausur hatte mein absolutes Wunschthema zur Aufgabe. Und das nachdem ich mir viele Sorgen gemacht hatte... Gott führt aus der Klage heraus. Manchmal ganz plötzlich. Manchmal allmählich.  Man kann Gott vertrauen - auch heute (noch). 



Samstag, 2. Mai 2009

Seelsorge konkret (1): Sharing "Joys and Concerns"


"Freud und Leid", so heißt das Gottesdienstelement, dass sich in vielen amerikanischen "mainline"-Denominationen finden lässt. Der Moderator oder Pfarrer fragt vor der Predigt in die Runde: Gibt es etwas mitzuteilen? Was folgt sind keine ellenlangen Abkündigungen irgendwelcher Gruppenaktivitäten, sondern das Mitteilen konkreter Gebetsanliegen: "Mein Vater liegt im Sterben...", "seit zwei Wochen sind wir Großeltern" - Gründe zur Klage und Fürbitte, aber auch Dankanliegen werden genannt.

Worum es dabei geht, ist mehr als nur der Austausch von Gebetsanliegen, die man sich dann auf seine Gebetsliste schreibt - hier findet Seelsorge statt! Im Gottesdienst, aber auch anschließend beim Kirchencafé, wenn sich Gespräche über die Anliegen ergeben und geschaut wird wie man den Einzelnen helfen kann.

Für das Mitteilen persönlicher Anliegen braucht es einen vertrauten, familiär geprägten Rahmen. Die Umsetzung dieses Gottesdienstelements in den Gottesdiensten der Landeskirche ist darum problematisch und eher in kleineren Gruppen praktikabel. Trotzdem lassen sich aus diesem Phänomen des "sharing" einige Thesen zur Seelsorge ableiten (sie dürfen gerne ergänzt werden...).

a) Seelsorge findet im Kontext der Kirche statt. Dabei verstehe ich Kirche nicht als Ortsbeschreibung, sondern als ein "support system".

b) Der Kirchenraum symbolisiert: Seelsorge geschieht "coram deo" - vor Gott.
c) Seelsorge ist nicht Sache des Pfarrers allein, sondern (Auf-)Gabe der Gemeinde.
d) Seelsorge kann ein Gespräch sein, wir müssen aber aufhören, nur in einem Gespräch Seelsorge zu sehen. Denn neben dem Gespräch bedürfen auch andere Phänomene der Seelsorge der kritischen Reflexion durch die Praktische Theologie.
e) Dadurch das "Joys und Concerns" ihren Platz vor der Predigt haben, wird der enge Zusammenhang zwischen Seelsorge und Verkündigung deutlich. In der Verkündigung wird auf Gott verwiesen, von dem wir Hilfe erwarten können.
f) Das Rechnen der Seelsorge mit dem Eingreifen Gottes konkretisiert sich in der Gebetspraxis der Gemeinde. Inmitten von Ohnmachtserfahrungen rechnet die Gemeinde mit der Allmacht Gottes.